Dr. Richard Voigt wird 100 Jahre alt

Am 15. Juli 2009 wird der ehemalig Lehrer, Herr Dr. Richard Voigt 100 Jahre alt. Dieses einmalige Ereignis haben wir zum Anlass genommen, einen kleinen Rückblick auf sein Leben zu werfen.

Vielen Dank an dieser Stelle an seine Tochter Martina, die uns die daten freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

 

Dr. Richardt Voigt

Herr Dr. Richard Voigt wurde am 15. Juli 1909 in Brüx als österreichischer Staatsbürger in der K-u-K Monarchie Österreich - Ungarn geboren.

 

Nach der Gründung der Tschechoslowakei 1919 erhielt er die tschechicsche Staatsangehörigkeit. 1928 erwar er die Hochschulreife und studierte an der deutschen Karlsuniversität in Prag Chemie, Physik, Sport und Mathematik.

 

Er erwar den Auto- und Motorradführerschein und die Scheine für Motor- und Segelflugzeuge. Einen Absturz aus 30 m Hhe bei einer Segelflugvorführung überlebte er mit viel Glück mit nur leichten Verletzungen.

 

1931 legte er die Lehramtsprüfung mit Auszeichnung in den Fächern Leichtathletik, Geräteturnen, Säbel- und Florettfechten ab. 1932, im Alter von nur 23 Jahren (!) erhielt er für seine wissenschaftliche Arbeit "über das Betulin und Santalin im Süßholz" den Doktortitel "doktores rerum naturalium laudabilem in chemia" und war damit der jüngste Doktor der Tschechoslowakei geworden.

 

Während seines Wehrdienstes beim tschechischen Militär lernte er das Kunstreiten und Voltigieren und erwarb zahlreiche Medaillen und Sportabzeichen für seine herausragenden sportlichen Leistungen.

 

Außerdem legte er die Skilehrerprüfung ab und beeindruckte stets mit allerlei Kunststücken, z.B. mit einem Salto in voller Militärausrüstung und 2,20 m langen Skiern. Als begeisterter Turmspringer vom 10 m Brett brach er sich zweimal das Nasenbein beim rückwärtsgesprungenen Schraubensalto durch einen Aufprall auf das Sprungbrett.

 

Sein Sprung in die blaue Grotte von den hohen Felsen vor Capri auf einer Europareise 1928 mit seinem Bruder Karli ist legendär. Auf dieser Europareise mit Vaters Skoda ließen sich die damals jungen Herren den berühmten Bananentanz der barbusigen Josephine Baker live in Paris nicht entgehen.

 

1934 erhielt er seine erste Anstellung als Lehrer am Städtischen Deutschen Mädchen-Reformrealgymnasium in Brünn. Bald hatte er als Mädchenschwarm eine Fangemeinde junger Gymnasiastinnen, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgten. Noch heute erhält er Liebesbriefe der inzwischen über 80-jährigen Damen, die ihn nach über 60 Jahren noch verehren.

 

1936 gehörte Herr Dr. Voigt dem Olympiakader der Tschechoslowakei für die Sommerolympiade in Berlin an, wurde aber kurz davor aus politischen Gründen nicht zugelassen.

Im gleichen Jahr lief er bei einem Meeting in Prag gegen Jesse Owens und die japanischen Olympioniken. Er erreichte den zweiten Platz im 100 m Lauf nach dem Olympiasieger, der mit einem ganzen Stab an Betreuern anreiste, während Herr Dr. Voigt lediglich auf die Unterstützung seines Bruders, der nur eine Stoppuhr in die Waagschale werfen konnte, zählen konnte.

1937 wurde er tschechischer Meister im 100 m und 200 m Lauf und im Hochsprung aus dem Stand mit 1,67 m. Diesen Titel besitzt er noch heute.

 

Seine berufliche und sportliche Laufbahn endete beim Einmarsch der Deutschen in die Rest-Tschechoslowakei und wegen der daraus resultierenden politischen Folgen.

 

1942 heiratete er Marianne von Osieglowski, eine wohlhabende Hotelierstochter aus Spindlermühle.

 

Nach der Kapitulation Deutschlands überlebte er die berüchtigten Rheinwiesenlager und die Internierung in Compiegne. Nach seiner Entlassung aus amerikanischer Internierungshaft fand er seine Frau und die dreijährige Tochter in Nesselwang wieder, die beide die Vertreibung aus dem Sudetenland überlebt hatten.

 

Sein künstlerisches Talent half der Familie, die schwierige Anfangszeit in der neuen Heimat zu überstehen, weil Herr Dr. Voigt seine selbstgemalten Aquarellbilder mit Allgäuer Bergmotiven an die amerikanischen Soldaten verkaufen konnte.

Später arbeitete er als Hilfsarbeiter im Elektroschmelzwerk in Kempten.

 

1948 erhielt er eine Anstellung an der Oberrealschule Hohenschwangau als Lehrer für Chemie und Sport. Viele seiner Schüler haben eine außergewöhnliche Karriere gemacht, u.a. die Gebrüder Dassler (Adidas und Puma), die Gebrüder Fendt, Rechtsanwalt und Stadtrat Wollnitza und Dr. Wagner (Stadtapotheke Füssen), etliche Füssener Ärzte und nicht zuletzt der heutige Schwangauer Bürgermeister Reinhold Sontheimer.

 

1958 erhielt er endgültig die deutsche Staatsangehörigkeit.

 

In seiner Zeit als Lehrer (Spitzname "Burschens") ist seine Braukunst von Eierlikör in der Abituriaklasse und sein Handstand auf dem Geländer der Marienbrücke über dem Abgrund unvergessen.

 

Nach seiner Pensionierung 1972 bereiste er bis zum Tod seiner Frau 1996 in abenteuerlichen Reisen die halbe Welt und besuchte Pakistan, Ägypten, Nepal, Mexiko, Indien und Iran.

 

Herr Dr. Voigt schaut auf ein prall gefülltes Leben und 100 Jahre selbst erlebte Weltgeschichte zurück:

Zwei Weltkriege, Flucht und Vertreibung, drei Staatsangehörigkeiten, fünf Währungsreformen, Überfluss und Entbehrung, Diktatur, Faschismus und Krieg, Demokratie und Frieden.

 

Text: Martina Voigt

 

Wir gratulieren

Die Alt-Hohenschwangauer Schulgemeinschaft und alle ehemaligen Schülerinnen und Schüler, sowie Lehrerinnen und Lehrer samt den Direktoren gratulieren Herrn Dr. Richard Voigt aufs herzlichste zum 100. Geburtstag!

Herzlichen Glückwunsch und alles Gute!

 

Ihre

AHSg

 
 

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